Ausstellungen

 

Spitz und Knitz –
Carl Spitzweg und Johann Baptist Pflug

02. Juli 2017 bis 24. September 2017

 

Carl Spitzweg: Serenissimus / Er kommt, um 1870, Öl auf Leinwand, 29,6 x 21,7 cm, Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Carl Spitzweg: Serenissimus / Er kommt,          
um 1870, Öl auf Leinwand, 29,6 x 21,7 cm,          
Museum Georg Schäfer, Schweinfurt          

Johann Baptist Pflug: Das Bäuerlein auf dem Studentenkommers (Ausschnitt), um 1829, Öl auf Holz, 20 x 28 cm, Museum Biberach

          Johann Baptist Pflug: Das Bäuerlein auf dem          
          Studentenkommers (Ausschnitt), um 1829,          
          Öl auf Holz, 20 x 28 cm, Museum Biberach

Johann Baptist Pflug (1785-1866) war in seiner Zeit als Maler einer der wichtigsten Schilderer von Sitten und Gebräuche im süddeutschen Raum. Er arbeitete in der freien Reichsstadt Biberach in Oberschwaben. Sie fiel 1806 an das Königreich Württemberg und erlebte in dieser Zeit der Auflösung des Alten Reichs viele Truppendurchzüge. Die napoleonischen Kriege führten dabei fremdes Militär in eine wohlhabende Region, welche Durchreisende bisher nur in Form von Schauspieltruppen, Akrobaten und fahrendem Volk kannte.

Pflug interessierte sich anfangs stark für das Soldatenleben, später für Gruppen, auch am Rand der Gesellschaft. Zu den Höhepunkten seines Werkes gehören Schauspieldarstellungen und das unfreiwillig komische Verhalten einzelner Personen. Hierbei ist Pflug ein minutiöser Beobachter.

Er gehört zur Vatergeneration von Carl Spitzweg (1808-1885). Sein Oeuvre, am Kunstmarkt stets hoch geschätzt, war bis zur Erstellung eines Werkverzeichnisses durch Dr. Uwe Degreif (erschienen 2016) und einer im Frühjahr 2017 im Braith-Mali-Museum in Biberach zu Ende gegangenen Retrospektive in seiner Bandbreite unbekannt. Das Museum Georg Schäfer ergreift deshalb mit der Gegenüberstellung von Werken der beiden Künstler die sich nun erstmals bietende Chance, Carl Spitzwegs Frühwerk neu einzuordnen, einzuordnen in eine Blütezeit der sogenannten Sittenschilderung, wobei ab ca. 1828 dieses beliebte Genre mit einem neuen Zug, dem Humorvollen und der Komik, gemischt wurde.

 

Johann Baptist Pflug: Taufvisite im evangelischen Pfarrhaus, 1828, Öl auf Blech, 23 x 30 cm, Inv.-Nr. GVL 10, Staatsgalerie Stuttgart, Foto © Staatsgalerie Stuttgart

Johann Baptist Pflug: Taufvisite im evangelischen Pfarrhaus, 1828, Öl auf Blech, 23 x 30 cm,
Inv.-Nr. GVL 10, Staatsgalerie Stuttgart, Foto © Staatsgalerie Stuttgart

 

Diese Übergangsphase in der thematischen Malerei hat eine zeitliche Parallele in den damaligen Theateraufführungen. Es waren die Stücke und Inszenierungen des Johann Nepomuk Nestroy, der den Aufstieg der nur vordergründig harmlos erscheinenden „Possen“ von Wiener Vorstadttheatern in den Olymp königlicher Hoftheater in München und Stuttgart in die Wege leitete – zum Entsetzen der damaligen Kritiker. Immerhin hatte Jean Paul bereits 1804 in der Vorschule der Ästhetik dem Humor den Weg zurück auf die erhabene Bühne geebnet und von der „Notwendigkeit deutscher witziger Kultur“ gesprochen. Dies stand damals im Widerspruch zu den Idealisierungsbestrebungen einer an klassizistisch-dramatischen Themen orientierten Schauspielkunst.

Kennzeichnend für Pflugs Kunst sind vor allem die aus der Fassung geratenen, ins Burleske und Groteske abdriftenden „Festivitäten“, die vom Betrachter aus der Distanz eines Zuschauers, eines Theaterbesuchers gesehen und erlebt werden sollen. Sein Humor ist dabei knitz, tiefgründig, und seine deftigen Szenen erschließen sich nur bei genauer Betrachtung aller porträthaft und karikierend erfassten Beteiligten.

 

Carl Spitzweg: Studie zu Der arme Poet, 1837, Öl auf Karton, 32 x 42,6 cm, Grohmann Museum Collection at Milwaukee School of Engineering, Milwaukee, WI (USA), Foto: Larry Sanders, Milwaukee, WI (USA)

Carl Spitzweg: Studie zu Der arme Poet, 1837, Öl auf Karton, 32 x 42,6 cm,
Grohmann Museum Collection at Milwaukee School of Engineering, Milwaukee, WI (USA),
Foto: Larry Sanders, Milwaukee, WI (USA)

Carl Spitzweg: Der abgefangene Liebesbrief, 1850/55, Öl auf Leinwand, 54 x 32,2 cm, Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Carl Spitzweg: Der abgefangene Liebesbrief, 1850/55,
Öl auf Leinwand, 54 x 32,2 cm, Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Eine genaue Betrachtung erfordert auch die Bildwelt Carl Spitzwegs. Er schildert seine Zeit, das Biedermeier, ebenso visuell erfassend und doch analytisch wie Pflug und er interessiert sich ebenfalls für die Außenseiter der Gesellschaft, für Künstler wie den armen Poeten, für Schauspieler auf der Durchreise, für Soldaten ohne Beschäftigung. Dabei legt er jedoch nicht so sehr Wert auf die Erfassung von theatralisch komponierten Veranstaltungen mit vielen Beteiligten, sondern auf die Darstellung der Einzelfiguren, enthüllt auf einzigartige Weise ihre Marotten und ihre ach so menschlichen Charakterzüge. Doch die Brücke zu Pflug bildet nicht nur das gemeinsame Interesse an Randgestalten der Gesellschaft, sondern vor allem die Nutzung der Erkenntnisse theatralischer Kompositionen.

 

Die heiter leichte Sommerausstellung präsentiert rund 100 Werke, darunter bedeutende Leihgaben aus Privatbesitz und aus Museen: Braith-Mali-Museum Biberach, Zeppelin Museum Friedrichshafen, Bayerische Staatsgemäldesammlungen München, Staatsgalerie Stuttgart, Ulmer Museum. Aus der Grohmann Museum Collection in Milwaukee, USA, kommt Spitzwegs Armer Poet (Ölskizze). Auch die Hauptwerke Carl Spitzwegs, die von März bis Juni an das Leopold Museum in Wien ausgeliehen waren, sind wieder zurück und zu sehen.

Kurator: Dr. Wolf Eiermann

 

Eintrittspreise:

Erwachsene: EUR 7,- / ermäßigt: EUR 6,-

Weitere Ermäßigungen siehe Besucherinfo.

An jedem ersten Dienstag im Monat gilt freier Eintritt für das gesamte Haus.

 

Als Publikationen liegen vor:

Carl Spitzweg, Gemälde und Zeichnungen im Museum Georg Schäfer, Schweinfurt
von Jens Christian Jensen, überarbeitete Neuauflage, Schweinfurt 2014
ISBN 978-3-943017-05-2
343 Seiten, gebundene Museumsausgabe 29,00 €

 

Johann Baptist Pflug (1785-1866). Werkverzeichnis
hrsg. von Uwe Degreif, Museum Biberach, mit einem Beitrag von Wolf Eiermann, Lindenberg im Allgäu 2016
ISBN 978-3-95976-033-1
332 Seiten, gebunden, 29,90 €

 

Wolf Eiermann: Was gibt es denn da zu lachen? Betrachtermanipulation bei Carl Spitzweg und Johann Baptist Pflug, publizierter Vortrag, Schweinfurt 2017
5,00 €

 

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